MOMENTO MORI (Quelle: Stadtkirche Celle)

Die erste Orgel der Stadtkirche befand sich schon vor 1400 wohl im nördlichen Seitenschiff über der Sakristei. Das heute zu sehende Instrument stammt jedoch von 1653. Der Celler Herzog Christian Ludwig spendete mit dieser Orgel eines der seinerzeit bedeutendsten Instrumente in Norddeutschland, erbaut von Hermann Kröger und Berend Hus, dem späteren Lehrmeister von Arp Schnitger. Den prachtvollen Orgelprospekt schnitzten Ahrend Schultze aus Hoya und Andreas Gröber aus Osterode. Nachdem die Stadtkirche im barocken Stil umgebaut war, investierte der Celler Herzog nochmals in das Instrument und dessen prachtvolle Ausgestaltung: 1687 erhielt die Orgel zu Hauptwerk, Rückpositiv und Pedalwerk noch ein Brustwerk hinzu. 1697 erfolgte die reiche Vergoldung und wohl auch die ungewöhnliche Bemalung der Orgelpfeifen.

Orgelprospekt von 1653-1697
Orgelprospekt von 1653-1697 (Quelle: Stadtkirche Celle)

Bis zum Jahr 1912 blieb die Barockorgel fast unverändert, lediglich wurden 1834 die Windladen ausgetauscht. Mit dem Bau des Kirchturmes aber erschien das Werk als nicht mehr zeitgemäß. Es wurde abgerissen und durch ein neues, spätromantisch geprägtes Instrument der Firma Furtwängler & Hammer ersetzt.

Der Denkmalpflege hat Celle jedoch den Erhalt der prachtvollen Fassade zu verdanken, hinter der die neue Orgel eingebaut wurde. 1969 wurde diese ersetzt durch ein viermanualiges Instrument der Fa. Kleuker.

Orgel Stadtkirche St. Marien
Privatfoto: Orgel Stadtkirche St. Marien

Bedingt durch die Stuckdeckensanierung der Jahre 1993-1999 musste die Orgel vollständig abgebaut werden. Da der historische Prospekt starke Schäden aufwies und das künstlerisch eher mittelmäßige Orgelwerk von 1969 ebenfalls schadhaft war, entschied man sich für die Rekonstruktion der Orgel von 1687. In den Jahren 1997-1999 wurde das gesamte Orgelgehäuse durch Orgelbaumeister Rowan West aus Ahrweiler in traditioneller Tischlerarbeit wiederhergestellt; die historischen Teile wurden freigelegt und restauriert. In den Bautechniken der Schule Arp Schnittgers wurde das klingende Orgelwerk rekonstruiert; die historischen Prospektpfeifen wurden mit Zinnfolie foliert und wieder auf den Originalklang zurückgeführt. Durch ein zusätzliches Hinterwerk, das auch Musik anderer Stilepochen spielbar macht, hat die Orgel nun 50 klingende Register auf 4 Manualen und Pedal.

Klangretter gesucht

Wussten Sie, dass die Orgel in der Stadtkirche eine lange Geschichte hat?

Ihre äußere Schauseite – die Fachleute sprechen vom „Prospekt“ – stammt mitsamt den sichtbaren Pfeifen aus dem Jahre 1653. Ihr Innenleben dagegen ist im Laufe der Jahrhunderte entsprechend dem jeweiligen musikalischen Stil mehrfach verändert worden.

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Dr. Witte (Foto: Stadtkirche Celle)

Nun stehen wir – gerade einmal 18 Jahre nach der Restaurierung und Rekonstruktion - plötzlich vor großen und kostenintensiven Herausforderungen. Was ist geschehen?

Lesen Sie hierzu die Antworten, die Kirchenmusikdirektor Martin Winkler im gemeinsamen Gespräch auf meine Fragen hatte: 

Die aktuelle Situation bestürzt uns sehr – vor allem, wenn man bedenkt, dass die Qualität heutiger Orgelbauten in der Regel so gut ist, dass die Instrumente viele Jahrzehnte bzw. gar Jahrhunderte überdauern können. Wir haben es genau genommen mit zwei Herausforderungen zu tun.

Die wertvollen historischen Pfeifen sind von der sogenannten „Bleipest“ befallen. Dieses Phänomen taucht seit der Jahrtausendwende in vermehrtem Maße bei historischen Orgeln Norddeutschlands auf. Dabei handelt es sich um eine Korrosionserscheinung, die, sofern man keine Gegenmaßnahmen ergreift, letztlich zum völligen Zerfall der Pfeifen führt.

Wie kann man diese Pfeifen „retten“?

Als einzig sinnvolle Möglichkeit sehen die Fachleute zur Zeit eine Reinigung und Behandlung der Pfeifen durch eine schützende Nanowachsschicht, die verhindert, dass das Pfeifenmetall weiterhin angegriffen wird. Das ist ein sehr aufwändiges und teures Verfahren.

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KMD Winkler (Foto: Stadtkirche Celle)

Und worin besteht die 2.Herausforderung?

Die rekonstruierten Metallpfeifen der Orgel – immerhin ungefähr 2000 Pfeifen – wurden von verschiedenen englischen Firmen hergestellt, die auf historische Pfeifen-gusstechniken spezialisiert waren. Nun stellt sich nach einigen Jahren heraus, dass diese Pfeifen zu weich sind, über keine dauerhaft ausreichende Standfestigkeit verfügen und in unterschiedlichem Maße beginnen, sich zu verformen oder sogar einzusinken.

Gibt es auch hierfür auch Lösung?

Der einzig sinnvolle Weg ist, das gesamte betroffene Pfeifenmaterial neu zu erstellen.

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Im Herzen der Orgel (Foto: Stadtkirche Celle)

Welche Kosten kommen da auf die Celler Stadtkirchengemeinde zu?

Die dringend erforderliche Restaurierung der historischen Pfeifen erfordert einen Betrag von ungefähr € 60.000,-. Die Kosten für die mittelfristige Erneuerung des Metallpfeifenwerks liegen deutlich höher. Wir stehen erst ganz am Anfang der notwendigen Sanierungsphase. Die dringend notwendige Maßnahme zur Rettung der historischen Pfeifen wird im kommenden Jahr durchgeführt werden. Hierfür bekommen wir Unterstützung durch die Hannoversche Landeskirche, müssen aber zwei Drittel der Kosten selbst aufbringen.

Die Celler Stadtkirchenstiftung wird diese Rettungs-Maßnahme mit 7.450 € unterstützen. Insgesamt hoffen wir natürlich - ähnlich wie bei der Sanierung unseres Glockengeläuts mitsamt dem Guss der Friedensglocke – auf viel Unterstützung und Hilfsbereitschaft durch Celler Bürger und öffentliche Institutionen. Es ist kaum vorstellbar, dass dieses überregional bedeutende Instrument unspielbar wird und vielleicht für längere Zeit verstummen müsste. 

Mit Ihrer Hilfe können wir sicherstellen, dass unsere wertvollen, erhaltenen historischen Pfeifen, die heute wie genauso schon vor über dreihundert Jahren geklungen und Menschen in unterschiedlichsten Lebenssituation begleitet haben, weiterhin zu hören sind.

Wir freuen uns ganz besonders wenn Sie uns mit Ihrer Spende dabei unterstützen,
mit herzlichen Grüßen und Segenswünschen

Ihr
Dr. Volker Witte,
(Vorsitzender des Kirchenvorstands)